FASD trocken reicht nicht

Um fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD) zu vermeiden, reicht es nicht aus, ab der ärztlich nachgewiesenen Gravidität Hochprozentiges zu vermeiden. Wissenschaftler des CDC raten sogar Frauen, die schwanger werden könnten, auf ethanolhaltige Getränke zu verzichten.

Ethanol führt beim Embryo oder Fetus – abhängig von der Dauer und der Konzentration sowie vom Zeitpunkt – zu unterschiedlichen Schäden. „Jedes Jahr kommen in Deutschland etwa 2.000 Kinder mit dem Vollbild einer fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) zur Welt“, so Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Wer nur an Abweichungen bei Gewicht oder Größe, an kleine Augen, ein glattes Philtrum und an eine schmale Oberlippe denkt, täuscht sich gewaltig. „Weitaus mehr Neugeborene leiden unter Teilstörungen und Beeinträchtigungen, die durch den Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft verursacht wurden“, so Mortler.

Spitze des Eisbergs
Eine Veröffentlichung aus den Vereinigten Staaten zeigt das wahre Ausmaß. Philip A. May, Wissenschaftler an der University of North Carolina, Chapel Hill, hat Daten von Einschulungsunterlagen ausgewertet. Um fetale Alkoholspektrumstörungen zu erkennen, arbeitete er mit den IOM diagnostic guidelines for FASD. Im Mittelpunkt standen Größe, Aussehen, kognitive Assessments, aber auch Gespräche mit Müttern. Demnach kommen in den USA sechs bis neun von 1.000 Kindern mit einem FASD auf die Welt. Ein partielles fetales Alkoholsyndrom (PAFS) fand May bei elf bis 17 von 1.000 Schülern. In die umfassendste Kategorie, sprich fetale Alkoholspektrumstörungen, fielen 3,6 Prozent aller Kleinen. Seine Betrachtung ist möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs.

Hunderte Symptome
Svetlana Popova vom Centre for Addiction and Mental Health, Toronto, gab sich mit dem Kenntnisstand nicht zufrieden [Paywall]. Für eine Metaanalyse nahm sie 5.068 Arbeiten unter die Lupe. Lediglich 127 Studien erfüllten alle Kriterien hinsichtlich ihrer methodischen Qualität. Dabei ging es um den Vergleich gesunder Kinder mit kleinen FASD-Patienten. Sie fand 183 verschiedene Krankheitssymptome beziehungsweise phänotypische Ausprägungen. Dazu gehören Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Aufmerksamkeitsdefiziten oder Hyperaktivität. Seh- und Hörstörungen kamen als weitere Auffälligkeiten mit hinzu. Oft diagnostizierten erst Augenärzte oder HNO-Ärzte ein FASD, schreibt Popova. Beim FASD fand sie sogar 428 Komorbiditäten. Ihre Publikation könnte dazu beitragen, dass Ärzte fetale Alkoholspektrumstörungen rascher erkennen und langfristige Folgen vermeiden – vor allem hinsichtlich möglicher Benachteiligungen im Beruf und im Privatleben.

Verantwortungslos gehandelt
Soweit muss es gar nicht kommen, wenn Frauen während ihrer Schwangerschaft Alkohol komplett meiden. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) gehen jetzt noch einen großen Schritt weiter. Sie raten bereits Frauen, die nicht verhüten, aber Geschlechtsverkehr haben, auf ethanolhaltige Getränke zu verzichten. Zum Hintergrund: Das National Survey of Family Growth (NSFG) hatte 5.601 Frauen als repräsentative Stichprobe der US-Bevölkerung befragt. Etwa 7,3 Prozent hatten ungeschützten vaginalen Sex ohne Kontrazeption, konsumierten jedoch Alkohol. Ihre Aussagen galten für einen vierwöchigen Zeitraum. Anne Schuchat, stellvertretende Direktorin des CDC, extrapoliert, dass in ganz Amerika 3,3 Millionen Frauen „verantwortungslos handelten, indem sie FASD riskierten“. Älteren Daten ihrer Institution zufolge sei jede zweite Schwangerschaft nicht geplant. Viele Frauen, so Schuchat, würden ihre Gravidität erst Wochen später bemerken und in dieser Zeit weiter ethanolhaltige Getränke konsumieren – mit den allseits bekannten Folgen. „Jede Frau, die schwanger ist oder schwanger werden möchte, wünscht sich zusammen mit dem Partner ein gesundes Baby. Aber ihnen könnte nicht bewusst sein, dass Alkohol in jedem Stadium der Schwangerschaft eine Reihe von Behinderungen beim Kind verursachen kann“, ergänzt Coleen Boyle, Direktorin des CDC National Center on Birth Defects and Developmental Disabilities. Zahlen aus Deutschland zeigen, dass Präventionskampagnen noch lange nicht am Ziel angelangt sind.

Kein Gläschen in Ehren
Trotz allseits bekannter Risiken bereits kleiner Mengen Alkohol für ungeborene Kinder hält fast jeder fünfte Deutsche ein gelegentliches Gläschen Bier oder Sekt auch während der Schwangerschaft für akzeptabel, fand das Institut für neue soziale Antworten (INSA) heraus. Marktforscher hatten 2.000 Personen ab 18 Jahren zu ihrer Einstellung befragt. 72 Prozent lehnten ethanolhaltige Getränke während der Schwangerschaft ab, während 18 Prozent keine Bedenken hatten. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede je nach Alter. In der Gruppe zwischen 18 und 24 hielten lediglich vier Prozent der Befragten kleine Mengen Alkohol für vertretbar. Bei den über 55-Jährigen waren es 23 Prozent. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) lässt trotzdem nicht locker. Zusammen mit dem Berufsverband der Frauenärzte, der Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie dem Deutschen Hebammenverband haben Experten neue Module entwickelt. Das Paket „Bewusst verzichten: Alkoholfrei in der Schwangerschaft“ gibt Fachkräften konkrete Hilfestellungen für Beratungssituationen an die Hand.

Artikel von: Michael van den Heuvel
Quelle: DocCheck News, Stand: 02.03.2016 – URL: http://news.doccheck.com/de/120824/fasd-trocken-reicht-nicht/